Routine Zahnbehandlung
Warum braucht jedes Pferd eine regelmäßige Zahnbehandlung?
Diese Frage stellen immer noch viele Pferdebesitzer. In meiner 15-jährigen beruflichen Tätigkeit als praktizierender Tierarzt sind mir immer häufiger Krankheitssymptome bei den Pferden aufgefallen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Zustand des Gebisses standen. Nachdem ich auch “privat” mit Pferden unterschiedlichen Alters und Rasse in Kontakt kam, beschäftigte ich mich näher mit diesem Themengebiet. Im Gegensatz zu den meisten Hunden und Katzen, sind Pferde, auch Freizeitpferde, immer Sportler, die über eine lockere Muskulatur verfügen müssen, um nicht einen schweren Schaden zu nehmen. So ist es selbstverständlich sehr wichtig ,dass das Pferd über Ausgewogenheit im Maul verfügt und sich nicht durch Schmerzen aus dem Maul -oder Kieferbereich verspannt. Zudem muß noch jedes Pferd, das geritten wird, das Gebiß im Maul tragen, das selbstverständlich auch keinen Schmerz verursachen soll. Im professionellen Bereich ist das schon lange keine Frage mehr, hier werden regelmäßig Pferdezahnärzte bemüht, um Balance ins Pferdemaul zu bringen und damit die Leistungsfähigkeit zu steigern. Diese Tatsache ist schon viele Jahre bekannt, wurde nur im Freizeitbereich sträflich vernachlässigt. Denn auch hier wird Leistung abverlangt und jedes Pferd dankt es uns mit Losgelassenheit und guter Rittigkeit.
Nicht zuletzt durch die Tätigkeit meiner Frau in der Pferdeakupunktur konnten wir an gemeinsamen Patienten sehr schön den Zusammenhang zwischen einer guten Zahnpflege und einem entspannten, losgelassenen und leicht an den Hilfen gehenden Pferd erkennen.
Ihnen als Pferdebesitzer wird in dem einen oder anderen Fall vielleicht nichts Negatives an Ihrem Tier auffallen, weil Sie und Ihr Pferd es nicht anders kennen, aber nach einer Zahnbehandlung habe ich bisher fast immer eine positive Resonanz erhalten.
Warum die Ausbildung in den USA?
Häufig werde ich gefragt, warum man eine Weiterbildung in Sachen Pferdezähne besser in den USA macht und nicht etwa in Deutschland, oder wenigstens in Europa. Leider hat man in Deutschland, und da besonders die Tierärzteschaft, geschlafen, als man in Amerika und Kanada erkannte, dass Leistungsfähigkeit und Futterverwertung bei regelmäßiger Zahnpflege um ca 20 % steigen. Daher sind dort Schulen gegründet worden, die es in dieser Form in Deutschland, oder Europa nicht gibt. Ich persönlich habe das Interesse an der Zahnmedizin aus dem Kleintiersektor mitgebracht und nach einigen Seminaren in Deutschland auch wachsendes Interesse an den Pferdezähnen entwickelt. So kommt man automatisch auf die Acadamy of Equine Dentistry in Idaho (www.equinedentalacademy.com) , die ihrem Ruf entsprechend die qualifiziertesten Dentisten weltweit ( Tierärzte und Nichttierärzte ) ausbildet. Da es bisher in Europa tatsächlich nichts Vergleichbares gibt, beschloß ich meine Ausbildung dort zu absolvieren. Die ersten Level habe ich bereits erfolgreich abgeschlossen und kann so für die Zahnbehandlung ihrer Pferde beste Qualität garantieren und gleichzeitig natürlich alle Vorteile bieten, die die Zahnbehandlung durch einen Tierarzt bietet ( Sedation, Notfallmaßnahmen, Extraktionen, Anästhesien etc. ). In Deutschland habe ich die Prüfung zum Pferdedentalpraktiker (PDP) bei der IGFP ( Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne ) angeschlossen. Die geprüften Mitglieder stehen in Europa für einen sehr guten Qualitätsstandard in der Pferdezahnheilkunde. Sehr umfangreiche Infos erhalten Sie unter www.igfp-ev.de, auf dieser Seite sind auch alle geprüften PDP nach Bundesländern sortiert gelistet.

Wie kommt es zu Gebissfehlern?
Das Pferd ist als Steppentier aus der Evolution hervorgegangen und dementsprechend ist auch der Kauapparat ausgerichtet. Er ist darauf spezialisiert ca. 16 Stunden am Tag meist hartes Steppengras zu kauen. Man kann sich vorstellen, dass selbst bei einer fast optimalen Haltung mit viel Rauhfutter diesem Anspruch nicht entsprochen werden kann und schon gar nicht bei Boxenhaltung mit viel schon vorgequetschtem Kraftfutter. Da wir bei unserer Haltung der Pferde nicht den optimalen Zustand herstellen können, kommt es durch den unzureichenden Abrieb fast bei jedem Pferd im Laufe der Zeit zu Haken und Kanten der Backenzähne und zu ungenutzten Schneidezähnen fast ohne Abrieb.
Was fällt an einem Pferd auf, dessen Zähne dringend nachgesehen/behandelt werden sollten?
Natürlich müssen nicht die Zähne oder nicht allein die Zähne an den folgenden Symptomen schuld sein, aber in den meisten Fällen, besteht zumindest eine Beteiligung nicht hinreichend gepflegter/ behandelter Zähne.
Wenn Sie Folgendes bemerken, sollten Sie eine Zahnbehandlung/-kontrolle durchführen lassen:
- Abmagerung, stumpfes Fell, schlechte Bemuskelung
- Appetitlosigkeit, Futterpartikel im Kot, grobfaseriger Kot
- Diarrhoe, Kotwasser, rezidivierende Koliken oder Schlundverstopfung
- Probleme bei der Futteraufnahme z.B.vorsichtiges, unvollständiges Kauen, Fallenlassen von Futter, ” Heurollen “, plötzliche Fresspausen, vermehrtes Speicheln, Futter wird erst im Wasser eingeweicht
- Blutungen im Maul, vermehrter Maulgeruch, einseitiger, stinkender Nasenausfluss, Schwellungen im Kopfbereich
- Steigen, Zungenstrecken
- Verwerfen im Genick, fehlende Anlehnung, fehlendes Kauen auf dem Gebiß, Probleme beim Stellen und Parieren
- Zähneknirschen, Headshaking, Verpannungen der Kiefer- oder Rückenmuskulatur, Blockaden der Wirbelgelenke, Zügellahmheit
Selbst wenn Ihr Pferd nicht derartige Symptome zeigt, so wird es ihm nach einer professionellen Zahnbehandlung besser gehen, es wird sich wohler fühlen, die Kiefergelenke sind lockerer, es fühlt nicht mehr den kleinsten Widerstand im Maul, das aufgenommene Futter wird effektiver zerkleinert und in den hinteren Bereich der Maulhöhle transportiert, kurz Sie werden Ihr Pferd kaum noch wiedererkennen.
Vorgehensweise
Vorab verschaffe ich mir einen Überblick über den Gesundheitszustand Ihres Pferdes und erfrage eventuell durchgeführte Vorbehandlungen, durchgemachte Krankheiten etc. Anschließend erfolgt eine diagnostische Untersuchung der Maulhöhle möglichst ohne Sedation und Hilfsmittel wie Maulgatter u.ä. und wir beraten gemeinsam, was zu tun ist.
Nach erfolgter Sedation und kurzer Pause wird das Pferd fixiert und die Korrektur beginnt, die Dauer ist sehr vom Umfang der Behandlung abhängig. “Routinebehandlungen” dauern in der Regel 60 Minuten, bei komplizierteren Fällen können schon mal 2 – 3 Stunden nötig sein. Meiner Meinung nach sollten Zahnbehandlungen immer unter Sedation durchgeführt werden, es ist für Pferd, Besitzer und Behandler stressfreier. Da es fast immer nötig ist, kleinste Korrekturen vor allem an den schwer erreichbaren hinteren Backenzähnen vorzunehmen, ist eine gute Sedierung unumgänglich. Notwendige längerdauernde Behandlungen können zügig und ohne Unterbrechungen durchgeführt werden, Vibrationen durch rotierende Werkzeuge werden weniger intensiv wahrgenommen, kurz, die gesamte “Prozedur” verläuft angenehmer.
Auf mitgebrachten Folien werde ich Ihnen erläutern, was genau bei Ihrem Pferd zu korrigieren ist, um die normale Okklusion (Gebißstellung) herzustellen. Fast immer sind scharfe Kanten und Haken an den Backenzähnen zu glätten, Schneidezähne zu kürzen oder deren Winkelung zu ändern. Bei älteren Pferden findet man oftmals regelrechte Wellen auf den Backenzahnreihen, die zu erheblichen Störungen der Vor- und Rückwärtsbewegung des Kiefergelenkes bis hin zur völligen Blockade führen. Außerdem verändern die unterschiedlichen Zahnhöhen die Druckverhältnisse auf einzelne Zähne erheblich, so dass es zu Diastasenbildung kommen kann, das sind Lücken zwischen den sonst fest geschlossenen Zahnreihen, in die sich Futterreste verkeilen, was zur Fäulnis und infolgedessen zur Zahnfleischentzündungen führt. Ergebnis ist häufig ein entzündeter Zahn, der schließlich aufwendig extrahiert werden muß. Deshalb sind gleichmäßige Druckverteilung aller Backen- und Schneidezahnreihen aufeinander Voraussetzung für gesunde Zähne. Das Gebiss sollte ausgewogen sein und alle Malbewegungen zulassen, so dass das Kiefergelenk nicht blockiert wird. Größere Fehlstellungen sollten in mehreren Schritten korrigiert werden, damit das Pferd nicht durch eine völlig neue Gebissstellung das Fressen einstellt. In selteneren Fällen ist es auch nötig vor allem bei älteren Pferden, einen Zahn oder dessen Reste zu extrahieren oder umfangreichere tierärztliche Maßnahmen durchzuführen, die ich dann meistens sofort und innerhalb der Sedation vornehme.
Jan Fiedler
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